Deutschlands Wohnungsnot: Politische Fehlsteuerung statt Marktversagen

Deutschlands Wohnungsnot: Politische Fehlsteuerung statt Marktversagen

bto – der Ökonomie-Podcast von Dr. Daniel Stelter Jan 21, 2026 german 6 min read

Analyse der deutschen Wohnungsnot, ihrer politischen Ursachen und marktwirtschaftlicher Lösungsansätze zur Wiederherstellung eines funktionsfähigen Marktes.

Key Insights

  • Insight

    Die deutsche Wohnungsnot ist primär auf politische Überregulierung (Bauauflagen, Mietpreisbremse, Mietspiegel) und unzureichend gemanagte Migration zurückzuführen, nicht auf Marktversagen.

    Impact

    Diese Erkenntnis verlagert den Fokus von einer "Marktversagen"-Diagnose zu einer "Politikversagen"-Diagnose, was die Diskussion über Lösungsansätze fundamental ändern könnte.

  • Insight

    Aktuelle Mietregulierungen wie Mietpreisbremse und Mietspiegel schaffen Fehlanreize, reduzieren die Mobilität auf dem Wohnungsmarkt und fördern die Hortung von "zu großen" Wohnungen durch Bestandsmieter.

    Impact

    Diese Politik führt zu einem ineffizienten Wohnraumverbrauch, geringeren Investitionen in den Bestand und einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, was die Wohnungsnot verschärft.

  • Insight

    Deutschland fehlen aktuell 1,4 Millionen erschwingliche Wohnungen, insbesondere Sozialwohnungen, was die wirtschaftliche Entwicklung hemmt und junge sowie ältere Menschen besonders stark trifft.

    Impact

    Dieser Mangel wirkt sich negativ auf die Arbeitskräftemobilität und -integration aus und belastet bestimmte demografische Gruppen überproportional, was die soziale Ungleichheit verstärkt.

  • Insight

    Der Pro-Kopf-Flächenverbrauch an Wohnraum steigt kontinuierlich an, was weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll ist und die Knappheit von Wohnraum zusätzlich verschärft.

    Impact

    Dieser Trend deutet auf einen suboptimalen Ressourceneinsatz hin und unterstreicht die Notwendigkeit, Anreize für eine effizientere Wohnraumnutzung zu schaffen.

  • Insight

    Die Theorie des "Sicker-Effekts" (Neubau von teuren Wohnungen entlastet indirekt den Markt für bezahlbaren Wohnraum) hat sich als unzureichend erwiesen, um die Probleme des bezahlbaren Wohnens zu lösen.

    Impact

    Investitionsstrategien, die ausschließlich auf Neubau setzen, müssen neu bewertet werden, da sie allein nicht ausreichen, um die Krise des bezahlbaren Wohnens zu beheben.

  • Insight

    Der Bodenwert ist eine Folge hoher Mieten, nicht deren Ursache; Versuche, Mieten durch Verbilligung von Boden zu dämpfen, sind zum Scheitern verurteilt, da sie lediglich die Renditen der Vermieter erhöhen würden.

    Impact

    Diese kausale Umkehrung impliziert, dass politische Maßnahmen zur Bodenpreiskontrolle ineffektiv wären, wenn die Mietpreise nicht gleichzeitig marktgerechter gestaltet werden.

Key Quotes

"Die Politik trägt mittlerweile die alleinige Schuld an der Wohnungsnot. Übermäßige Bauauflagen, Überregulierung des Wohnungsmarktes und weiter anhaltende Migration [...] tragen dazu bei, dass es in der Tat in den Ballungszentren Wohnungsnot gibt."
"Der Markt kann gewisse Sachen gut machen. Der Markt kann gut Angebot und Nachfrage zusammenbringen und er kann guten Preisfunktion. [...] Was der Markt nicht gut kann, ist umverteilen. Und jetzt haben wir eben das Problem, dass es bei dem Wohnungsmarkt genau andersrum läuft."
"Es gibt eigentlich genug Wohnraum. Er ist nur sehr ungerecht verteilt. Und deswegen ist eben unser Ansatz zu sagen, ein wesentlicher Teil des Problems ist eben nicht im Angebot zu suchen, sondern in der Nachfrage."

Summary

Deutschlands Wohnungsnot: Politische Fehlsteuerung statt Marktversagen

Deutschland erlebt eine akute Wohnungsnot, insbesondere in Ballungsräumen. Entgegen der gängigen politischen Rhetorik ist die Ursache dafür nicht ein Versagen des Marktes, sondern vielmehr eine direkte Konsequenz politischer Überregulierung, exzessiver Bauauflagen und einer unzureichend gemanagten Zuwanderung. Die aktuellen Daten des Pestel Instituts zeigen ein Defizit von 1,4 Millionen erschwinglichen Wohnungen, was nicht nur eine soziale, sondern auch eine erhebliche wirtschaftliche Belastung darstellt.

Die Wurzeln der Fehlentwicklung

Die Hauptprobleme lassen sich auf mehrere Faktoren zurückführen:

* Politische Überregulierung: Instrumente wie die Mietpreisbremse und der Mietspiegel, ursprünglich als temporäre Maßnahmen gedacht, haben sich zu dauerhaften Angebots-Reduktionsbremsen entwickelt. Sie dämpfen die Neigung zu bauen und verringern die Mobilität auf dem Wohnungsmarkt. Eigentümer vermieten lieber möbliert oder wandeln in Eigentumswohnungen um, während Bestandsmieter keinen Anreiz zum Umzug haben, selbst wenn ihre Wohnung "zu groß" ist, da Neuvertragsmieten deutlich höher liegen. * Demografische Verschiebungen und Migration: Eine Nettozuwanderung von über 7 Millionen Menschen in den letzten zehn Jahren sowie eine anhaltende Binnenmigration in die Städte erhöhen den Bedarf an Wohnraum erheblich. Gleichzeitig steigt der Pro-Kopf-Flächenverbrauch, nicht zuletzt durch sinkende Haushaltsgrößen und den Lock-in-Effekt der Mietpreisregulierung. * Ungleiche Verteilung des Bestands: Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft hebt hervor, dass der Wohnraum zwar ausreichen könnte, aber extrem ungleich verteilt ist. Viele Haushalte leben in überbelegten Wohnungen, während andere – oft ältere Menschen mit langfristigen, günstigen Mietverträgen – in Wohnungen verbleiben, die weit über ihren aktuellen Bedarf hinausgehen. Dies ist eine direkte Folge der Preisobergrenzen, die den Markt aushebeln.

Warum Bauen allein nicht die Lösung ist

Experten wie Professor Steffen Sebastian von der Universität Regensburg argumentieren, dass das Bauen allein – trotz intensiver Anstrengungen in den letzten zehn Jahren – die Probleme des bezahlbaren Wohnens nicht gelöst hat. Die Kosten für Neubau sind so hoch, dass bezahlbares Wohnen für Durchschnittsverdiener kaum mehr realisierbar ist. Der oft zitierte "Sicker-Effekt", wonach teure Neubauten indirekt günstigere Wohnungen freisetzen, hat sich als unzureichend erwiesen. Zudem ist die Annahme, dass der Bodenpreis die Mieten treibt, eine Umkehrung der Kausalität; vielmehr sind hohe Mieten die Ursache für hohe Bodenpreise.

Ein marktwirtschaftlicher Reformvorschlag

Professor Sebastian und seine Kollegen schlagen eine umfassende Reform vor, die auf mehr Marktwirtschaft und gezielte Sozialpolitik setzt:

1. Subjektförderung statt Objektförderung: Statt Mieten künstlich niedrig zu halten, soll das Wohngeld massiv ausgeweitet und die Einkommensgrenzen flexibilisiert werden. So erhalten bedürftige Haushalte direkte, transparente Unterstützung, ohne den Markt zu verzerren. Aktuell subventionieren die bestehenden Mietregelungen Millionen von Haushalten intransparent und ungerecht, oft auch Gutverdiener. 2. Marktnähere Mietspiegel und Kappungsgrenzen: Die Mietspiegel sollen den tatsächlichen Marktpreisen näherkommen und die Kappungsgrenzen für Mieterhöhungen wieder erhöht werden. Dies würde Anreize für Vermieter schaffen, in Instandhaltung und Modernisierung zu investieren und die Mobilität im Markt zu erhöhen, ohne "Mieten freizugeben" im Sinne einer vollständigen Deregulierung. 3. Vermieter-Soli: Um die Finanzierung des erhöhten Wohngeldes zu gewährleisten und Überrenditen in angespannten Märkten abzuschöpfen, wird ein Solidaritätszuschlag für Vermieter vorgeschlagen. Dies würde eine Belastung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und nicht nach dem Zufallsprinzip des Mietvertragsalters ermöglichen. 4. Vereinfachung der Modernisierungsumlage: Die komplexe Umlage von Modernisierungskosten soll entfallen. Stattdessen sollen marktgerechte Mieten für modernisierte Wohnungen gelten, wobei das Risiko von Investitionen stärker beim Vermieter als Unternehmer liegt.

Gewinner und Verlierer einer solchen Reform

Eine solche Reform hätte klare Gewinner und Verlierer. Gewinner wären alle, die heute keine bezahlbare Wohnung finden oder unter hoher Wohnkostenbelastung leiden, da sie direkte und bedarfsgerechte Hilfe erhalten. Auch Vermieter, die bisher wegen langer Mietdauern und strikter Regulierung niedrige Mieten hatten, könnten ihre Erträge anpassen. Verlierer wären Bestandsmieter mit extrem günstigen Altverträgen, die plötzlich marktgerechten Mieten gegenüberstünden, auch wenn Bedürftigkeit hier durch ein angepasstes Wohngeld aufgefangen werden könnte. Es würde auch die "Hortung" von zu großem Wohnraum unattraktiver machen.

Fazit

Der deutsche Wohnungsmarkt ist komplex, aber die vorliegende Analyse zeigt, dass die politischen Interventionen der letzten Jahrzehnte das Problem nicht gelöst, sondern verschärft haben. Ein Umdenken, das den Markt seine Preis- und Mengenfunktionen wahrnehmen lässt und den Staat die Aufgabe der sozialen Umverteilung übernehmen, könnte der Schlüssel zu einer nachhaltigen Lösung der Wohnungsnot sein. Es erfordert Mut, eingefahrene Pfade zu verlassen und pragmatische, marktwirtschaftliche Ansätze zu verfolgen, anstatt ideologische Blockaden aufrechtzuerhalten.

Action Items

Einführung einer bedarfsgerechten Subjektförderung durch eine erhebliche Ausweitung und Flexibilisierung des Wohngeldes, um Haushalte direkt und transparent zu unterstützen.

Impact: Dies würde bezahlbares Wohnen für bedürftige Haushalte sofort und zielgerichtet ermöglichen, ohne den Marktmechanismus zu verzerren und Fehlanreize zu setzen.

Schrittweise Anhebung der Kappungsgrenzen für Mieterhöhungen und marktnähere Gestaltung der Mietspiegel, um die Diskrepanz zwischen Bestands- und Neuvertragsmieten zu verringern.

Impact: Diese Maßnahmen würden die Mobilität auf dem Wohnungsmarkt fördern, den Anreiz zur Hortung von Wohnraum reduzieren und Investitionen in den Mietwohnungsbestand attraktiver machen.

Einführung eines "Vermieter-Soli" zur Abschöpfung von Überrenditen in angespannten Märkten, um die Finanzierung der erhöhten Wohngeldzahlungen zu gewährleisten und die Verteilungsgerechtigkeit zu verbessern.

Impact: Dies würde eine faire Umverteilung der Lasten zwischen Vermietern und der Allgemeinheit sicherstellen und eine nachhaltige Finanzierung sozialer Wohnungsmaßnahmen ermöglichen.

Vereinfachung der Regelungen zur Umlage von Modernisierungskosten, indem marktgerechte Mieten für modernisierte Wohnungen gelten und das Investitionsrisiko stärker beim Vermieter liegt.

Impact: Dies würde Anreize für energetische Sanierungen und Modernisierungen schaffen, ohne dass Mieter durch schwer nachvollziehbare Umlagen belastet werden, und die Qualität des Wohnungsbestandes verbessern.

Der Staat sollte sich primär auf die Umverteilung konzentrieren und dem Markt die effiziente Preis- und Mengenfunktion im Wohnungsmarkt überlassen.

Impact: Eine klare Rollentrennung zwischen Staat und Markt würde zu einem funktionsfähigeren Wohnungsmarkt führen, in dem Angebot und Nachfrage besser zusammenfinden und Ressourcen effizienter genutzt werden.

Mentioned Companies

Das Institut wird als Quelle einer Studie zum Wohnungsmarkt genannt, die objektiv Zahlen und Analysen liefert. Die Nennung ist rein informativ.

Das Institut wird als Quelle einer Studie zum Thema 'Miss Match im Wohnungsmarkt' genannt, deren Ergebnisse zur Argumentation herangezogen werden. Die Nennung ist rein informativ.

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