Wirtschaftsausblick 2026: Geopolitik, Inflation und Anlagestrategien
Chefvolkswirt Carsten Mumm analysiert den Wirtschaftsausblick 2026: Gebremstes Wachstum, geopolitische Konflikte, Inflationsrisiken und Anlagestrategien.
Key Insights
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Insight
Die weltwirtschaftliche Dynamik ist im historischen Vergleich relativ schwach und wird durch Handelskonflikte, geopolitische Verunsicherungen und Deglobalisierung "ausgebremst" und "gedecktelt".
Impact
Dies führt zu einem globalen Wirtschaftswachstum von voraussichtlich nur etwa 3% und erfordert eine Neuausrichtung internationaler Lieferketten und Handelsbeziehungen.
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Insight
Die Rivalität zwischen den USA und China um die technologische und wirtschaftliche Führerschaft wird eine dauerhafte Prägung der Volkswirtschaften für die nächsten Jahrzehnte bleiben.
Impact
Dies manifestiert sich in Exportbeschränkungen, Zöllen und einem Wettlauf um kritische Rohstoffe wie seltene Erden, was die Planungssicherheit für Unternehmen global reduziert.
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Insight
Deutschland befindet sich in einer denkbar schwierigen Situation, da Protektionismus und Chinas veränderte Rolle die exportorientierte Wirtschaft belasten.
Impact
Die deutsche Automobilindustrie erlebt einen Strukturwandel mit geringerer Wertschöpfungstiefe bei E-Mobilität, während hohe Kosten (Lohnnebenkosten, Energie, Bürokratie) und Fachkräftemangel den Standort zunehmend unattraktiv machen.
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Insight
Europa hat die Chance, ein eigenes Systemangebot als "Hort der Stabilität" (Demokratie, Meinungsfreiheit, Freihandel, Datensicherheit) zu machen, insbesondere wenn politische Unberechenbarkeit in den USA zunimmt.
Impact
Dies könnte Europa zu einem attraktiveren Standort für hochqualifiziertes Personal und Wissenschaftler aus dem Ausland machen und seine Position im globalen Wettbewerb stärken.
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Insight
Unabhängige Geldpolitik ist der Garant für Preisniveaustabilität; Versuche politischer Einflussnahme lösen diese Verankerung, was zu höheren Inflationsraten führt.
Impact
In den USA ist in den nächsten Jahren eine permanente Überschreitung des 2%-Inflationsziels mit 3 bis 3,5% im Mittel zu erwarten, was Unternehmen und Anleger bei ihren Planungen berücksichtigen müssen.
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Insight
Künstliche Intelligenz (KI) wird "vor allen Dingen Kopf ersetzen, also denken" und damit die sogenannten White-Collar-Jobs unter Druck setzen.
Impact
Unternehmen und Arbeitskräfte müssen lernen, KI-Tools zur Produktivitätssteigerung zu nutzen und ihre Geschäftsmodelle anzupassen, anstatt nur grundlegende KI-Entwicklung zu kopieren.
Key Quotes
"Wenn ich das versuchen sollte, mit einem oder zwei Worten auszudrücken, dann fällt mir als erstes ein. Ausgebremst. Man könnte auch sagen, gedeckelt."
"Handelskonflikte, Zölle sind Gift für exportorientierte Industrie, Volkswirtschaften, wie es eben die deutsche ist."
"Unabhängige Geldpolitik ist der Garant für Preisniveaustabilität."
Summary
Wirtschaftsausblick 2026: Navigation durch globale Unsicherheiten
Das Jahr 2026 verspricht, ein weiteres Jahr der Herausforderungen und tiefgreifenden Veränderungen für die Weltwirtschaft und Anlagemärkte zu werden. Carsten Mumm, Chefvolkswirt des Bankhauses Donal Euschl, skizziert in seiner Analyse ein Bild, das von gebremstem globalem Wachstum, eskalierenden geopolitischen Spannungen und einem fundamentalen Wandel geprägt ist. Für Anleger, Führungskräfte und alle, die ein tieferes Verständnis der kommenden Wirtschaftstrends suchen, ist diese Einschätzung von entscheidender Bedeutung.
Globales Wachstum bleibt "Ausgebremst" und "Gedeckelt"
Die Weltwirtschaft durchläuft eine Phase historisch schwacher Dynamik. Handelskonflikte, geopolitische Verunsicherungen und strukturelle Transformationen "bremsen" das globale Wachstum aus. Insbesondere die Tendenz zur Deglobalisierung und zum Protektionismus, welche die internationale Arbeitsteilung der letzten Jahrzehnte untergräbt, stellt einen Kernbelastungsfaktor dar. Während die Industriestaaten nur mäßiges Wachstum verzeichnen, bleiben die Schwellenländer, insbesondere in Südostasien, die primären Wachstumsmotoren.
USA und China: Ein Wettlauf um die Führerschaft
Die Rivalität zwischen den USA und China um die technologische und wirtschaftliche Führerschaft wird sich als dauerhafter Belastungs- und Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft erweisen. US-Präsident Trumps protektionistische Politik zielt darauf ab, Chinas Aufstieg zu verlangsamen. Die USA werden voraussichtlich eine Verlangsamung des Wachstums erleben, bleiben aber im Vergleich zu Europa resilienter.
China selbst steht vor erheblichen strukturellen Problemen: eine Immobilienkrise mit fallenden Preisen, die sich negativ auf den Konsum auswirkt, sowie eine zunehmend ideologisch statt wirtschaftlich getriebene Politik, die Unternehmensentscheidungen beeinflusst.
Europas Ambivalenz: Herausforderungen und Chancen
Deutschland ist als exportorientierte Volkswirtschaft besonders anfällig für Protektionismus und die veränderte Rolle Chinas. Hohe Kosten (Lohnnebenkosten, Energie, Bürokratie) und der Fachkräftemangel schwächen den Standort. Gleichzeitig bietet die aktuelle geopolitische Unberechenbarkeit Europas die Chance, sich als "Hort der Stabilität" für Demokratie, Meinungsfreiheit, Freihandel und Datensicherheit zu positionieren. Dies könnte hochqualifizierte Arbeitskräfte und Wissenschaftler anziehen, insbesondere aus den USA, wo "erratische politische Akzente" wie Angriffe auf Universitäten die Attraktivität mindern.
Frankreich bleibt der "heißeste Krisenherd" innerhalb der Eurozone. Politische Instabilität und hohe Haushaltsdefizite führen zu steigender Staatsverschuldung und potenziellen Herabstufungen durch Rating-Agenturen. Dennoch mindert die Zugehörigkeit zur Eurozone und die Existenz von EZB-Instrumenten wie dem TPI (Transmission Protection Instrument) das Risiko einer Eskalation wie der griechischen Krise.
Geldpolitik und Währungen: Eine neue Realität
Die Unabhängigkeit der Geldpolitik ist ein entscheidender Garant für Preisniveaustabilität. Versuche politischer Einflussnahme, wie von Donald Trump in den USA, untergraben diese Unabhängigkeit und führen zu einer dauerhaften Verankerung von Inflationserwartungen oberhalb des 2%-Ziels. Für die USA wird eine durchschnittliche Inflationsrate von 3 bis 3,5 Prozent realistisch erachtet.
Der US-Dollar wird voraussichtlich gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Trumps explizites Ziel, den Dollar zu schwächen, und die schwindende Attraktivität des Dollars als Weltleitwährung aufgrund politischer Unberechenbarkeit tragen dazu bei. Sinkende Zins- und Wachstumsvorsprünge der USA gegenüber der Eurozone verstärken diesen Trend. Eine Euro-Dollar-Rate von 1,20 bis 1,22 im Laufe des Jahres 2026 scheint erreichbar.
Die KI-Revolution und Anlagestrategien
Künstliche Intelligenz wird "Kopf ersetzen, also denken" und die Arbeitswelt fundamental verändern, insbesondere "White-Collar-Jobs". Für Europa liegt die Chance nicht darin, mit den großen US-Tech-Giganten bei der Entwicklung grundlegender KI-Tools zu konkurrieren, sondern darin, KI in bestehende Industrien und Dienstleistungen zu integrieren, um Produktivität zu steigern. Dies erfordert eine Anpassung der Arbeitskräfte und Geschäftsprozesse.
Für Privatanleger wird die Devise "sehr, sehr breit streuen" wichtiger denn je. Angesichts der hohen Unberechenbarkeit sollten Portfolios über verschiedene Anlageklassen hinweg diversifiziert werden, einschließlich Edelmetallen und Kryptowährungen. Ein "aktives Handeln" und die Berücksichtigung von strategischen Basisinvestments (Core) sowie taktischen Beimischungen (Satellites) sind ratsam. Reine Welt-ETFs, die stark auf US-Tech konzentriert sind, sollten kritisch hinterfragt und gegebenenfalls durch gleichgewichtete Indizes ergänzt werden, um Klumpenrisiken zu reduzieren.
Fazit
Das kommende Jahr erfordert von Unternehmen, Politik und Anlegern gleichermaßen Agilität und strategisches Umdenken. Während die USA ein Quell politischer Unsicherheit bleiben, bietet Europa die Chance, durch strukturelle Reformen und ein klares Systemangebot an Attraktivität zu gewinnen. Für Anleger ist eine gut durchdachte, breit diversifizierte und anpassungsfähige Strategie entscheidend, um in diesem dynamischen Umfeld erfolgreich zu sein.
Action Items
Politische Entscheidungsträger in Deutschland müssen die Attraktivität des Standorts durch Reduzierung von Lohnnebenkosten, Energiekosten und Bürokratie sowie Förderung qualifizierter Zuwanderung und staatlicher Unterstützung von Innovationen stärken.
Impact: Dies könnte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie verbessern, dem Fachkräftemangel entgegenwirken und private Investitionen sowie den Konsum beleben, um einen selbsttragenden Aufschwung zu ermöglichen.
Anleger sollten ihre Portfolios "sehr, sehr breit streuen" über verschiedene Asset-Klassen hinweg, einschließlich illiquider Bereiche, Edelmetalle und Kryptowährungen.
Impact: Diese Diversifikation reduziert die Unberechenbarkeit durch geopolitische Konflikte und Marktvolatilität und hilft, auf wechselndes Momentum bei Einzelinvestments oder Branchen-ETFs flexibel zu reagieren.
Europäische Unternehmen sollten sich darauf konzentrieren, von großen amerikanischen Unternehmen entwickelte KI-Tools in bestehende Geschäftsprozesse zu implementieren, um Produktivitätssteigerungen zu erzielen.
Impact: Dieser Ansatz ermöglicht es, die Vorteile der KI zu nutzen, ohne die hohen Investitionen in die Entwicklung grundlegender KI-Technologien aufbringen zu müssen, und stärkt so die Wettbewerbsfähigkeit bestehender Industrien.
Anleger, die auf Welt-ETFs setzen, sollten Klumpenrisiken, insbesondere eine starke Gewichtung von US-Tech-Aktien, durch Beimischung von gleichgewichteten Indizes oder spezifischen Regionen- und Branchen-ETFs reduzieren.
Impact: Dies verringert die Anfälligkeit des Portfolios gegenüber spezifischen Schocks im US-Technologiesektor oder durch währungspolitische Maßnahmen und erhöht die allgemeine Stabilität.
Angesichts der erwarteten Dollar-Schwäche und der potenziell höheren US-Inflation sollten Anleger ihre Währungsrisiken bei Dollar-Assets sorgfältig managen und gegebenenfalls Diversifikationsstrategien prüfen.
Impact: Durch proaktives Währungsmanagement können potenzielle Währungsverluste bei Dollar-Investments minimiert und die Gesamtrendite des Portfolios optimiert werden.