Digitale Souveränität: Strategische Handlungsfähigkeit für Unternehmen
Digitale Souveränität ist mehr als ein IT-Thema – sie ist essenziell für die strategische Handlungsfähigkeit von Unternehmen in einem geopolitisch volatilen Umfeld.
Key Insights
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Insight
Digitale Souveränität wird primär als "Handlungsfähigkeit" eines Unternehmens im digitalen Raum definiert.
Impact
Dies betont die Notwendigkeit für Unternehmen, die Kontrolle über ihre operativen Prozesse und Daten zu behalten, um auf externe Einflüsse reagieren zu können.
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Insight
Geopolitische Ereignisse, wie Wahlen und Zoll-Diskussionen, haben die Dringlichkeit digitaler Souveränität für Unternehmen erheblich verstärkt.
Impact
Unternehmen sind nun mit neuen, unkalkulierbaren Risiken konfrontiert, die über traditionelle wirtschaftliche Faktoren hinausgehen und Geschäftsmodelle gefährden können.
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Insight
Deutschland und Europa sind mit über 90% importierter digitaler Services, hauptsächlich aus den USA, hochgradig abhängig.
Impact
Diese Abhängigkeit stellt ein erhebliches Risiko dar, insbesondere im Kontext von politischen Zugriffen (z.B. US Cloud Act) oder erhöhten Kosten durch Zölle.
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Insight
Der Verlust des Zugangs zu kritischen digitalen Diensten aus politischen Gründen ist ein reales Szenario mit potenziell verheerenden Folgen für die Geschäftskontinuität.
Impact
Dies erfordert eine Neubewertung von Service-Level-Agreements und die Entwicklung robuster Ausfall- und Wechselszenarien, um Existenzrisiken zu minimieren.
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Insight
Digitale Souveränität wird zunehmend als Chance für Innovation, Kollaboration (Open Source, offene Standards) und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle gesehen.
Impact
Unternehmen können durch strategische Investitionen in eigene Lösungen und die Zusammenarbeit mit Partnern ihre Marktposition stärken und Resilienz aufbauen.
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Insight
Der neue EU Data Act zielt darauf ab, die Wechselfähigkeit zwischen Cloud-Providern zu verbessern, indem er Kosten deckelt und "funktionale Äquivalenz" fordert.
Impact
Dies könnte die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern verringern und den Wettbewerb im Cloud-Markt fördern, was Unternehmen mehr Flexibilität bietet.
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Insight
Digitale Souveränität ist eine Führungsaufgabe auf Vorstandsebene und kein isoliertes IT-Thema.
Impact
Die strategische Bedeutung erfordert eine unternehmensweite Betrachtung der digitalen Lieferkette, des Know-how-Managements und der Risikobewertung durch die Geschäftsführung.
Key Quotes
"Mir ist es am Anfang so ein bisschen ergangen, dass ich erstmal über das Thema Souveränität aus einer staatlichen politischen Sicht nachgedacht habe. [...] Gerrit hat das ganz schön zusammengefasst, wenn wir das auf ein Unternehmen übertragen, da müssen wir über das Thema der Handlungsfähigkeit sprechen."
"wir importieren so ungefähr über 90, ich glaube fast 94 Prozent digitaler Services aus dem Ausland, insbesondere aus Amerika. Das heißt, wir haben eine sehr hohe Abhängigkeit."
"Digitale Souveränität, das ist ein IT-Thema. Das macht der Maschinenraum. Ganz klare Ansage, nein. Das gehört in den Bereich der Geschäftsführung, das gehört auf die Vorstandsebene."
Summary
Digitale Souveränität: Mehr als nur IT – eine Frage der Unternehmensstrategie
In einer immer stärker vernetzten und geopolitisch komplexen Welt ist „digitale Souveränität“ zu einem Schlagwort avanciert, das weit über die Grenzen der IT-Abteilung hinausreicht. Unternehmen, die ihre Zukunftsfähigkeit sichern wollen, müssen verstehen, dass es dabei um nicht weniger als ihre strategische Handlungsfähigkeit geht.
Die neue Dimension der Abhängigkeit
Lange Zeit wurde die Diskussion um Abhängigkeiten im digitalen Raum vor allem unter Aspekten wie Vendor-Lock-in oder der Wahl zwischen Cloud und On-Premise geführt. Doch jüngste geopolitische Verschiebungen und Ereignisse, wie die Ergebnisse von Wahlen in Großmächten oder das Aufkommen von Zöllen auf digitale Services, haben eine neue, kritische Dimension hinzugefügt. Deutschland und Europa importieren über 90 Prozent ihrer digitalen Dienstleistungen, insbesondere aus den USA. Diese hohe Abhängigkeit birgt enorme Risiken, sollte der Zugang zu diesen Diensten aus politischen Gründen erschwert oder gar verwehrt werden. Der US Cloud Act, der US-Behörden den Zugriff auf Daten europäischer Firmen bei US-Anbietern ermöglicht, ist hierfür ein prägnantes Beispiel.
Risiken, die den Betrieb lahmlegen können
Das Fehlen digitaler Souveränität ist kein abstraktes Problem. Ein Ausfall oder der Entzug von kritischen Services kann die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens direkt bedrohen. Eine Bitkom-Studie zeigt auf, dass zwei Drittel der Unternehmen ohne verfügbare digitale Dienste maximal zwölf Monate überleben könnten – eine Zeitspanne, die für den Aufbau von Alternativen oft nicht ausreicht. Der Verlust des Zugangs zu E-Mails oder Unternehmensdaten aus politisch motivierten Gründen ist keine Fiktion mehr, sondern Realität. Dies verdeutlicht, dass selbst scheinbar stabile Service-Level Agreements keine Garantie gegen geopolitische Verwerfungen bieten.
Von der Risikoanalyse zur Chance für Innovation
Doch digitale Souveränität ist nicht nur eine Risikofrage, sondern auch eine immense Chance. Sie kann Unternehmen dazu anspornen, ihre digitalen Lieferketten kritisch zu hinterfragen und bewusst zu gestalten. Es geht nicht darum, die Cloud gänzlich zu meiden, sondern Abhängigkeiten bewusst einzugehen und aktiv zu managen. Hier bieten sich Möglichkeiten zur Stärkung der Innovationskraft:
* Kollaboration und Offene Standards: Die Zusammenarbeit in Branchen und die Nutzung offener Standards und Open Source-Projekte können die Interoperabilität erhöhen und die Wechselfähigkeit sicherstellen. Dies fördert nicht nur die Innovationskraft, sondern auch die Resilienz des gesamten Ökosystems. * Eigenentwicklung und Kompetenzaufbau: Wo Dienste geschäftskritisch sind und keine verlässlichen Alternativen existieren, sollten Unternehmen den Aufbau eigener Lösungen in Betracht ziehen. Dies erfordert auch den Aufbau und die Sicherung internen Know-hows, was ein wichtiger Aspekt im HR-Bereich wird. * EU Data Act: Die neuen Regelungen des EU Data Act, der unter anderem Wechselkosten deckeln und funktionale Äquivalenz fordern soll, sind ein vielversprechender Schritt, um die Souveränität im Datenverkehr zu stärken.
Digitale Souveränität als Chefsache
Der größte Mythos ist, dass digitale Souveränität ein reines IT-Thema ist. Sie gehört auf die Vorstandsebene. Geschäftsführungen müssen wissen, wo ihre Unternehmen angreifbar sind und welche Maßnahmen zur Sicherung der Handlungsfähigkeit notwendig sind. Dies beinhaltet die Bewertung von Kern-, Unterstützungs- und generischen digitalen Prozessen, die Implementierung von Wechselstrategien und die Sicherung von Fachwissen im Unternehmen.
Fazit: Proaktiv die Zukunft gestalten
Unternehmen, die bereits erfolgreich digitale Souveränität leben, haben dies nicht erst kürzlich erkannt. Sie haben frühzeitig Abhängigkeiten gemanagt, kritisches Wissen im Haus gehalten und Risiken als Chancen für Innovationen genutzt. In einer Zeit, in der jedes Unternehmen digital ist, ist eine proaktive Strategie zur digitalen Souveränität unerlässlich. Es ist eine kontinuierliche Aufgabe, die weit über technische Aspekte hinausgeht und eine strategische Führungsentscheidung darstellt, um langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zu gewährleisten.
Action Items
Unternehmen sollten eine umfassende Analyse ihrer digitalen Lieferkette durchführen, um kritische "Core"-Bereiche von "Supporting"- und "Generic"-Diensten zu identifizieren.
Impact: Diese Klassifizierung ermöglicht es, Ressourcen gezielt auf die Sicherung geschäftskritischer Abhängigkeiten zu konzentrieren und strategische Entscheidungen über Eigenentwicklung oder Fremdbezug zu treffen.
Sicherstellung der Wechselfähigkeit bei allen eingesetzten digitalen Diensten und Plattformen.
Impact: Dies reduziert das Risiko von Vendor Lock-in und ermöglicht es Unternehmen, schnell auf geopolitische, wirtschaftliche oder technische Änderungen bei Anbietern zu reagieren.
Aktives Engagement in Open Source Projekten und die Förderung offener Standards zur Gewährleistung der Interoperabilität.
Impact: Dies stärkt die Unabhängigkeit von proprietären Lösungen, fördert die Innovationskraft durch Community-Beiträge und schafft breitere Alternativen im Markt.
Strategischer Aufbau und Pflege von kritischem Know-how im eigenen Unternehmen, insbesondere für "Core"-Bereiche der digitalen Lieferkette.
Impact: Dies sichert die langfristige Handlungsfähigkeit und Innovationskraft, auch wenn externe Ressourcen oder Expertise nicht mehr verfügbar sind.
Etablierung von digitaler Souveränität als festen Bestandteil der Unternehmensstrategie und als Thema auf der Geschäftsführungsebene.
Impact: Dies gewährleistet eine ganzheitliche Betrachtung der Risiken und Chancen, bindet alle relevanten Abteilungen (IT, HR, Recht) ein und sichert die notwendige Investitionsbereitschaft.