Deutsche Wirtschaft: Rekordgewinne, Währungseffekte & Strategiewechsel

Deutsche Wirtschaft: Rekordgewinne, Währungseffekte & Strategiewechsel

Handelsblatt Today - Der Finanzpodcast mit News zu Börse, Aktien und Geldanlage Nov 13, 2025 german 6 min read

Analyse der Finanzwelt: Siemens' Rekordgewinn, Telekom-Dividende, Wirecard-Rückschlag und die Belastung durch den starken Euro für Exportunternehmen.

Key Insights

  • Insight

    Siemens' Rekordgewinn trifft auf verhaltene Börsenreaktion: Trotz drittem Rekordgewinn in Folge und starkem Ergebnis sank die Siemens-Aktie, da die Abspaltung von Healthineers erwartet wurde und Wachstumsziele als konservativ galten.

    Impact

    Dies unterstreicht, dass selbst exzellente Geschäftszahlen bei bereits eingepreisten Erwartungen und fehlenden zusätzlichen Impulsen die Aktienkurse enttäuschen können. Investoren erwarten radikalere Umstrukturierungen oder Sparprogramme.

  • Insight

    Deutsche Telekom mit robustem Quartal und Aktionärsfreundlichkeit: Der Konzernüberschuss stieg um 14,3%, die Jahresprognose wurde zum dritten Mal angehoben, eine Rekorddividende und ein Aktienrückkaufprogramm von 2 Mrd. Euro wurden angekündigt.

    Impact

    Stärkt das Vertrauen der Aktionäre und signalisiert finanzielle Stärke, die primär vom US-Geschäft (T-Mobile) getragen wird, während das Deutschlandgeschäft "schleppend" bleibt.

  • Insight

    Wirecard-Aktionäre erleiden schweren Rückschlag vor BGH: Die Klage auf Zugriff zur Insolvenzmasse wurde abgewiesen, da Gläubiger Vorrang haben; letzte Hoffnungen ruhen auf Schadensersatzklagen gegen den Wirtschaftsprüfer EY.

    Impact

    Dies bestätigt die geringen Chancen für Aktionäre, Entschädigungen aus der Insolvenzmasse zu erhalten, und verschiebt den Fokus auf externe Haftungsklagen, die einen langen Rechtsweg bedeuten können.

  • Insight

    Pfizer-Ausstieg bei BioNTech: Strategisch motiviert mit geringem Einfluss auf Zusammenarbeit: Pfizer reduziert seine Beteiligung aus strategischen Gründen, um Kapital für andere Akquisitionen zu nutzen; die Zusammenarbeit mit BioNTech bleibt unberührt, und Analysten sehen geringe Auswirkungen auf den Unternehmenswert.

    Impact

    Zeigt, dass große Pharmaunternehmen nicht-strategische Finanzbeteiligungen abstoßen, um ihre Portfolios zu optimieren. Für BioNTech signalisiert es zwar einen Kursrückgang, aber keine fundamentale Veränderung der Geschäftsbeziehung.

  • Insight

    Starker Euro belastet deutsche Exportwirtschaft massiv: Die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar und anderen wichtigen Währungen wie dem Yuan führt zu niedrigeren Umsätzen und Gewinnen bei deutschen Exportunternehmen, da ihre Produkte im Ausland teurer werden.

    Impact

    Schwächt die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf globalen Märkten, insbesondere in den USA und China, und erfordert strategische Anpassungen wie Währungsabsicherung oder lokale Produktion.

  • Insight

    Trend zu fokussierten Spezialisten an der Börse: Die Abspaltung der Mehrheit von Siemens Healthineers ist ein historischer Schritt, der den Investorenwunsch nach reinen Technologiefirmen statt Mischkonzernen widerspiegelt.

    Impact

    Dieser Trend könnte weiteren Mischkonzernen in Deutschland Druck machen, ebenfalls Kernbereiche abzuspalten, um die Bewertung zu verbessern und Investorenpräferenzen zu erfüllen.

  • Insight

    Zunehmende Wechselkursbelastung erwartet: Experten prognostizieren eine weitere Stärkung des Euro gegenüber dem Dollar, möglicherweise über 1,20, aufgrund von Kapitalflucht aus den USA und erwarteten weiteren Zinssenkungen.

    Impact

    Deutsche Exportunternehmen müssen sich langfristig auf anhaltenden Währungsgegenwind einstellen und ihre Strategien entsprechend anpassen, um die Rentabilität zu sichern.

Key Quotes

"Siemens konnte den dritten Rekordgewinn in Folge verbuchen. Aber die Börse hat trotzdem ziemlich enttäuscht reagiert."
"Ja, der Effekt, der resultiert vor allem aus dem Dollar, aus der Dollar-Schwäche. Das klingt oder Euro stärker gegenüber dem Dollar. Das, wie du gesagt hast, klingt das erstmal positiv und stärker. Aber es hat dann tatsächlich negative Effekte auf die Unternehmen, die wir können erläutern."
"Der Trend geht sicher in Richtung fokussierte Spezialisten, wie es der ex-Siemens-Chef Joe Caser immer genannt hatte, weil die sich noch besser auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können, weil die dann noch stärker in der Spitze sind, als wenn man breit aufgestellt ist und überall dies und das macht und dann schwache Geschäftsbereiche auch von den Guten so über die Zeit mitgeschleppt werden."

Summary

Deutsche Wirtschaft im Spannungsfeld: Rekordgewinne, Währungseffekte und die Suche nach Fokus

Die globale Wirtschaft navigiert durch unsichere Gewässer, doch für die deutsche Unternehmenslandschaft zeichnet sich ein komplexes Bild ab: Während einige Konzerne mit beeindruckenden Zahlen aufwarten, sehen sich andere mit strukturellen Herausforderungen und ungünstigen Währungseffekten konfrontiert. Ein genauer Blick auf die jüngsten Entwicklungen offenbart sowohl Lichtblicke als auch Schattenseiten für Investoren und Führungskräfte.

Siemens: Rekordeinnahmen und strategische Neuausrichtung

Siemens hat mit dem dritten Rekordgewinn in Folge und einem Nettogewinn von über 10 Milliarden Euro ein beeindruckendes Geschäftsjahr hingelegt. Das operative Ergebnis erreichte erstmals 11,8 Milliarden Euro. Trotz dieser herausragenden Zahlen reagierte die Börse verhalten, was auf bereits eingepreiste Erwartungen und das Fehlen radikaler neuer Impulse zurückzuführen ist.

Die "One Tech Company"-Strategie von CEO Roland Busch zielt auf ein Umsatzwachstum von 6 bis 9 Prozent jährlich und eine Verdopplung der digitalen Umsätze bis 2030 ab. Ein historischer Schritt ist die beschlossene Abgabe der Mehrheit an Siemens Healthineers. Diese Teilabspaltung, bei der 30 Prozent der Anteile als Sachdividende an die eigenen Aktionäre gehen, spiegelt den Investorenwunsch nach fokussierten Spezialisten wider. Der Trend weg vom Mischkonzern hin zu spezialisierten Einheiten könnte auch andere deutsche Großkonzerne unter Druck setzen, ihre Portfolios zu straffen.

Deutsche Telekom und Wirecard: Licht und Schatten für Aktionäre

Die Deutsche Telekom präsentierte ein robustes drittes Quartal mit einem Konzernüberschuss, der um 14,3 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro kletterte – maßgeblich getragen vom US-Geschäft (T-Mobile). Aktionäre können sich über eine in Aussicht gestellte Rekorddividende von 1 Euro pro Aktie und ein 2 Milliarden Euro schweres Aktienrückkaufprogramm freuen. Dennoch trübte das schleppende Deutschlandgeschäft das Gesamtbild.

Ein herber Rückschlag ereilte hingegen die Aktionäre von Wirecard. Der Bundesgerichtshof wies eine Klage der Vorgesellschaft Union Investment ab, die Zugriff auf die Insolvenzmasse forderte. Die Gläubiger stehen in der Verteilungsreihenfolge an erster Stelle, und angesichts von Forderungen in Milliardenhöhe sind keine Übererlöse für Aktionäre zu erwarten. Die letzten Hoffnungen ruhen nun auf Schadensersatzklagen, insbesondere gegen den Wirtschaftsprüfer EY.

BioNTech und Pfizer: Eine strategische Trennung

Das Mainzer Pharmaunternehmen BioNTech verzeichnete einen Kursrückgang, nachdem bekannt wurde, dass das US-Pharmaunternehmen Pfizer seine Beteiligung reduziert. Dieser Schritt ist strategisch motiviert: Nach dem Höhepunkt der Pandemie wurde die Beteiligung für Pfizer zu einer reinen Finanzbeteiligung. Die Zusammenarbeit beider Unternehmen bleibt jedoch unverändert, und Analysten schätzen die Auswirkungen auf BioNTech als nicht wesentlich ein. Dies unterstreicht die Tendenz großer Konzerne, nicht-strategische Investments abzustoßen, um Kapital für Kernbereiche oder Akquisitionen zu binden.

Der starke Euro als Belastung für die Exportnation Deutschland

Ein zentrales Thema, das die deutsche Wirtschaft derzeit prägt, ist der starke Euro im Verhältnis zu wichtigen Währungen wie dem US-Dollar und dem chinesischen Yuan. Was für Verbraucher vorteilhaft klingt, belastet deutsche Exportunternehmen erheblich: Ihre Produkte werden im Ausland faktisch teurer, was zu geringeren Umsätzen und Gewinnen führt. Unternehmen wie Henkel und Adidas spüren diese bremsende Wirkung deutlich in ihren Bilanzen. Die Schwäche von Währungen wie der türkischen Lira oder dem koreanischen Won, oft bedingt durch interne geldpolitische Vertrauensverluste, verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Experten prognostizieren, dass diese Entwicklung anhalten und der Euro weiter gegenüber dem Dollar steigen könnte, getrieben durch Kapitalflucht aus den USA und erwartete Zinssenkungen dort. Deutsche Unternehmen müssen sich auf diesen anhaltenden Währungsgegenwind einstellen. Als Gegenmaßnahmen werden verstärkt Währungsabsicherungen (Financial Hedging) und der Aufbau lokaler Produktions- und Lieferstrukturen (Natural Hedging) diskutiert und umgesetzt.

Fazit: Navigieren in einer dynamischen Landschaft

Die jüngsten Meldungen zeichnen das Bild einer deutschen Wirtschaft, die sich in einem Umbruch befindet. Während Innovation und Digitalisierung (wie bei Siemens im Industriebereich) Erfolge feiern, stellen globale Währungsschwankungen und strukturelle Präferenzen der Investoren (weg von Mischkonzernen) neue Herausforderungen dar. Für Führungskräfte und Investoren gilt es, diese komplexen Wechselwirkungen zu verstehen und proaktive Strategien zu entwickeln, um in einem immer dynamischeren globalen Umfeld bestehen zu können.

Action Items

Beobachtung der Siemens "One Tech Company" Strategieumsetzung: Investoren und Analysten sollten die Fortschritte von Siemens bei der Verdopplung der digitalen Umsätze bis 2030 und das angestrebte Wachstum von 15% pro Jahr im Digitalgeschäft genau verfolgen.

Impact: Eine erfolgreiche Umsetzung könnte das Vertrauen der Anleger stärken und Siemens' Position als führender Digitalisierungschampion in der Industrie festigen, während ein Scheitern die Aktie belasten könnte.

Deutsche Telekom: Fokus auf "schleppendes Deutschlandgeschäft": Der Konzern sollte Strategien entwickeln, um das Wachstum und die Rentabilität im Heimatmarkt zu verbessern und die Abhängigkeit vom US-Geschäft zu reduzieren.

Impact: Ein stärkeres Wachstum im Heimatmarkt würde die Konzernbilanz diversifizieren und das Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber regionalen oder währungsbedingten Schwankungen machen.

Kontinuierliche Bewertung von Währungsrisikomanagement-Strategien: Exportorientierte deutsche Unternehmen müssen ihre Währungsabsicherungsstrategien (Financial Hedging) überprüfen und verstärkt Optionen wie den Aufbau lokaler Produktionsstätten (Natural Hedging) in wichtigen Exportmärkten prüfen.

Impact: Effektives Währungsrisikomanagement kann die Rentabilität sichern und die Wettbewerbsfähigkeit auf globalen Märkten trotz ungünstiger Wechselkurse erhalten.

Investorenprüfung der Konzernstruktur von Mischkonzernen: Anleger sollten die potenziellen Auswirkungen des Trends zu spezialisierten Unternehmen auf ihre Portfolios berücksichtigen und möglicherweise in fokussiertere Unternehmen investieren.

Impact: Dies könnte zu einer Neubewertung von Anteilen in Mischkonzernen führen und die Attraktivität von Unternehmen steigern, die sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Politische Diskussion über Wettbewerbsfähigkeit: Die deutsche Regierung und EU-Institutionen sollten die Auswirkungen des starken Euro auf die Exportindustrie kritisch beleuchten und mögliche Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft prüfen, ohne Währungskriege zu provozieren.

Impact: Gezielte politische Maßnahmen könnten dazu beitragen, die Belastungen für die Exportwirtschaft abzufedern und langfristig die Attraktivität des Standorts Deutschland zu sichern.

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